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Im Gespräch mit Johannes Meissl
Musik wird im gemeinsamen Spiel lebendig

Johannes Meissl, Vizerektor und Professor für Kammermusik an der mdw in Wien, leitet die Streichquartett-Masterclasses von Ad Manaurem 1762. Im Interview spricht er über die Herausforderungen und die Faszination des gemeinsamen Musizierens, die Bedeutung einer familiären Atmosphäre für junge Talente und darüber, warum Musik auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Kraft und Lebendigkeit verliert.

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Johannes Meissl während einer Masterclasse

Ad Manaurem 1762: Johannes, Sie sind eine zentrale Figur in der Ausbildung von Streichquartetten. Was hat Sie bewogen, die Einladung von Ad Manaurem 1762 als künstlerischer Leiter dieser Masterclasse anzunehmen?

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Johannes Meissl: Als ich von diesem neuen Projekt erfuhr, war ich sofort sehr interessiert. Ich spürte unmittelbar, dass die Menschen, die dahinterstehen, es wirklich ernst meinen. Es geht ihnen nicht um kommerzielle Interessen, sondern darum, jungen Musikerinnen und Musikern eine besondere Gelegenheit zu bieten.

Auch die Empfehlung meiner Rektorin der mdw, wo ich Vizerektor für Internationales und Kunst bin, gab den Ausschlag. Das Konzept, mit nur drei Quartetten und einem Coach eine ganze Woche konzentriert in einer idealen Umgebung zu arbeiten, ist etwas Besonderes. Es ermöglicht den jungen Ensembles, ohne Ablenkung tief in die Musik und die mitgebrachten Werke einzutauchen. Wichtig ist auch, dass diese Woche ein klares Ziel hat: das Abschlusskonzert.

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Welche Botschaft möchten Sie jungen Streichquartetten für ihre musikalische und persönliche Entwicklung mitgeben?

 

Die Entscheidung, Streichquartett wirklich ernsthaft und professionell als Haupttätigkeit auszuüben, ist weitreichend. Es bedeutet nicht nur, wunderbare Musik zu erarbeiten und auf der Bühne zu spielen. Es ist auch eine lange Reise, bei der die eigene Persönlichkeit unmittelbar Teil der Zusammenarbeit wird.

In einem Quartett kommen notwendigerweise sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zusammen. Das ist eine große Herausforderung, aber sie lohnt sich. Man kann voneinander unglaublich reich beschenkt werden — und natürlich auch durch diese großartige Musik. Das Repertoire für Streichquartett ist in seiner Fülle und Qualität kaum mit einem anderen vergleichbar. Wenn es gelingt, diesen gemeinsamen Weg gut zu gestalten, kann man im Streichquartett eine Erfüllung finden, wie sie nur wenige musikalische Formen bieten.

In der Arbeit versuche ich außerdem, so viel Verständnis wie möglich für die jeweilige musikalische Sprache zu vermitteln: ihre Grundlagen, ihre Eigenheiten, ihre Artikulation, ihren Stil. Mir geht es dabei weniger um eine Etikette des Stils, sondern um das Wesen einer Musiksprache: Woher kommt sie? Wie ist sie eingebettet? Was ist allgemein verständlich, und was braucht in einem bestimmten Werk besondere Aufmerksamkeit? Erst daraus kann eine lebendige musikalische Erzählung entstehen.

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Setzen Sie Musik auch in den Kontext der Zeit, in der sie geschrieben wurde?

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Ja, selbstverständlich. Dieses Einbetten in den Kontext ist extrem hilfreich, damit die Erzählung, die den Werken innewohnt, von jungen Musikerinnen und Musikern wirklich nachempfunden werden kann.

Musikalische Sprachen sind untrennbar mit ihrer Zeit und ihrer Region verbunden. Es ist wichtig zu wissen, in welchem politischen, sozialen und historischen Umfeld ein Werk entstanden ist. Wenn man nicht versteht, was die Aufklärung in Europa bewirkt hat, kann man Haydn nicht wirklich verstehen. Und ohne das Wissen um die Folgen der Französischen Revolution und den deutschen Idealismus lässt sich Beethoven nicht vollständig begreifen.

Dieses Wissen ist für mich kein Selbstzweck. Es bildet die Grundlage für ein Gefühl — und dieses Gefühl soll dann im eigenen Spiel und in der Interpretation wirksam werden.

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Eine Masterclass fordert nicht nur technische Perfektion, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Dynamik innerhalb des Ensembles. Wie wichtig ist dieser Aspekt?

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Die zwischenmenschliche Dynamik innerhalb der Gruppe ist für mich sehr wichtig. Es geht um den Versuch, miteinander zu atmen, zu denken, zu spüren und so weit aufeinander einzugehen, dass ein wirklich gemeinsames Musizieren möglich wird.

Ich bin überzeugt, dass höchste Qualität am besten gelingt, wenn auch die menschliche Dynamik positiv gestaltet ist. Der Austausch innerhalb und zwischen den Ensembles ist bei jeder Masterclass wesentlich — besonders aber in einer so intimen und fokussierten Atmosphäre wie hier. Er findet nicht nur in der eigentlichen Arbeit statt, sondern auch beim gemeinsamen Essen oder in kleinen Freizeitmomenten. Das stärkt die jungen Leute. Oft entstehen daraus dauerhafte Freundschaften.

 

Welche Bedeutung hat der Austausch zwischen Generationen?

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Ich habe über 40 Jahre lang mit denselben Kollegen Streichquartett gespielt und kenne die Bedeutung kontinuierlicher Arbeit sehr gut. Aber ich habe ebenso erfahren, wie wertvoll kurze, intensive Begegnungen sind. Sie sind belebend, geben neue Impulse und sind für alle Beteiligten notwendig.

Das gilt auch für junge Ensembles. Im besten Fall haben sie eine kontinuierliche Betreuung, aber sie brauchen in regelmäßigen Abständen solche intensiven Impulse, wie sie eine Masterclass bieten kann. Deshalb glaube ich sehr an ein Sowohl-als-auch, nicht an ein Entweder-oder.

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Ad Manaurem 1762 legt großen Wert auf eine familiäre Atmosphäre. Was kann ein solches Umfeld bewirken?

 

Eine familiäre Atmosphäre ist sehr wichtig, weil sie einen Teil des Drucks abfedert, dem junge Musikerinnen und Musiker ohnehin ausgesetzt sind. Die Musikszene ist kompetitiv und herausfordernd, auch für junge Streichquartette.

Bei Ad Manaurem 1762 entsteht ein Umfeld, das den Druck nicht verstärkt, sondern Raum schafft. Die lockere, familiäre Atmosphäre und das Gefühl, dass sich um vieles gekümmert wird, ermöglichen es den jungen Ensembles, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf die Musik, die gemeinsame Arbeit und die eigene Entwicklung.

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Wie haben Sie die Woche persönlich erlebt?

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Für mich war es eine sehr schöne Erfahrung, besonders wegen der herzlichen Gastfreundschaft, die hier nicht nur den Ensembles, sondern auch mir entgegengebracht wurde.

Es gab eigentlich jeden Tag besondere Momente. Die Möglichkeit, in diesem wunderbaren alten Schloss La Marthonie zu arbeiten, war ein sehr tiefer Eindruck. Auch dass der Schlossherr alles so selbstverständlich mitbetreut, ist besonders. Die Organisatoren machen das nicht nur gut, sondern mit Begeisterung, Überzeugung, Hingabe und einer offensichtlichen Liebe zur Sache. Das ist für mich eine sehr schöne und tiefe Erfahrung.

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Was bedeutet Musik für Sie persönlich?

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Musik ist mein Leben. Ich habe mich als junger Mensch dafür entschieden, und die Liebe zur Musik hat mich nie enttäuscht. Ein wunderbares Musikstück kann mich heute noch genauso faszinieren wie vor Jahrzehnten. Es weckt in mir immer wieder den Wunsch, es mit anderen neu zu entdecken und zum Leben zu erwecken.

Ich glaube, dass Musik vielen Menschen etwas geben kann, was sie sonst nicht haben. Deshalb dürfen wir nicht nur darauf warten, dass Menschen in die traditionellen Konzertsäle kommen. Wenn sie nicht zu uns kommen, müssen wir zu ihnen gehen. Das geschieht in vielen Projekten: in sozialen oder therapeutischen Einrichtungen, in Pop-up-Konzerten, an Orten, an denen diese Musik sonst vielleicht nicht vorkommt.

Ein Live-Erlebnis ist ein gemeinschaftliches Ereignis. Musik wird in dem Moment, in dem sie erklingt, wieder lebendig. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft.

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Darf klassische Musik also auch zeitgenössisch und modern gedacht werden?

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Absolut. In der Musikgeschichte hat sich kein großer Komponist selbst als „klassisch“ verstanden. Sie waren alle zeitgenössische, moderne Komponisten ihrer Zeit.

Für mich darf alles sein. Entscheidend ist, dass es auf höchstem instrumentalen und künstlerischen Niveau geschieht — mit Identifikation, Bewusstsein und echter Liebe zur Sache. Dann wird Musik auch in Zukunft funktionieren.

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Gibt es noch etwas, das Sie hinzufügen möchten?

 

Ich möchte mich noch einmal von Herzen bedanken, dass ich hier sein durfte. Ich wünsche dem Projekt Ad Manaurem 1762 eine wunderbare, nachhaltige Zukunft und bin sehr gespannt, wie es sich weiterentwickeln wird.

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