Professor Johannes Meissl
Das Streichquartett – Königsdisziplin der Musik

Johannes Meissl
Professor für Kammermusik und Vizerektor für Internationales und Kunst an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.
Künstlerischer Leiter der Streichquartett-Masterclasses von Ad Manaurem 1762 in den Jahren 2025 und 2026.
"Das Streichquartett entstand Mitte des 18. Jahrhunderts; als Begründer dieses Formats gilt Joseph Haydn. Er schuf eine Gattung, die es Musiker:innen ermöglichte, auf ganz besondere Weise zusammenzuspielen und Gedanken sowie Gefühle miteinander zu teilen.
Das Streichquartett ist eine außergewöhnliche Form – es schlägt eine Brücke vom kleinen Ensemble hin zur klanglichen Wirkung eines Orchesters. Es vereint die autonomen Individualitäten von vier herausragenden Solist:innen zu einer Gruppe, wobei jede Stimme ihre Eigenständigkeit bewahrt.
Das Faszinierende daran ist das ständige Wechselspiel von Koalitionen und klanglichen Paarungen, die sich fortlaufend verändern können. Je nachdem, was jedes Instrument in einem Moment beiträgt, entsteht eine flexible, funktionale Hierarchie. Es gibt keine feste Rollenverteilung, in der die erste Geige stets „der Chef“ oder das Cello durchgehend der strahlende Solist ist. Vielmehr übernehmen alle vier Instrumente in unterschiedlichen Abschnitten eines Werkes die Führungsrolle – was es ermöglicht, musikalische Komplexität auf eine zutiefst erfahrbare, positive Weise zu erleben.
Es ist kein Zufall, dass dieses Format bis heute besonders talentierte junge Musiker:innen fasziniert: Das Streichquartett gilt als die Königsdisziplin der europäischen klassischen Musik.
Alle großen Komponisten sahen sich herausgefordert, Streichquartette zu schreiben, um ihr kompositorisches Können unter Beweis zu stellen. Das Repertoire ist heute so umfangreich, dass kein einziges Quartett im Laufe eines Musikerlebens sämtliche Werke zur Aufführung bringen könnte."

Johannes Meissl während einer Masterclass mit dem Streichquartett Galilée.
